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Poesie

Gefunden




Die Häherfeder




Ich bin, wo der Eichelhäher


zwischen den Zweigen streicht,


einem Geheimnis näher,


das nicht ins Bewußtsein reicht.




Es preßt mir Herz und Lunge,


nimmt jäh mir den Atem fort,


es liegt mir auf der Zunge,


doch gibt es dafür kein Wort.




Ich weiß nicht, welches der Dinge


oder ob es der Wind enthält.


Das Rauschen der Vogelschwinge,


begreift es den Sinn der Welt?




Der Häher warf seine blaue


Feder in den Sand.


Sie liegt wie eine schlaue


Antwort in meiner Hand.




Günter Eich







21.8.05 22:08


In Folge vorweggenommen



Herbsttag






Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.


Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,


und auf den Fluren laß die Winde los.




Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;


gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,


dränge sie zur Vollendung hin und jage


die letzte Süße in den schweren Wein.




Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.


Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,


wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben


und wird in den Alleen hin und her


unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.




R. M. Rilke










17.8.05 22:22


Zu Abend mein Herz



Am Abend hört man den Schrei der Fledermäuse.

Zwei Rappen springen auf der Wiese.

Der rote Ahorn rauscht.

Dem Wanderer erscheint die kleine Schenke am Weg.

Herrlich schmecken junger Wein und Nüsse.

Herrlich: betrunken zu taumeln in dämmernden Wald.

Durch schwarzes Geäst tönen schmerzliche Glocken.

Auf das Gesicht tropft Tau.



Georg Trakl


9.7.05 21:48


Na aber...



Das Niedersachsenlied





Herman Grote, 1934








Von der Weser bis zur Elbe, von dem Harz bis an das Meer,



stehen Niedersachsens Söhne, eine feste Burg und Wehr.



Fest wie unsere Eichen halten alle Zeit wir stand,



wenn die Stürme brausen übers Deutsche Vaterland.



Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen,



Heil Herzog Widukinds Stamm.





Wo fielen die röm'schen Schergen? Wo versank die welsche Brut?



In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut.



Wer warf den röm'schen Adler nieder in den Sand?



Wer hielt die Freiheit hoch im Deutschen Vaterland?



Das war'n die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen,



Heil Herzog Widukinds Stamm.





Auf blühend roter Heide starben einst vieltausend Mann,



für Niedersachsens Treue traf sie des Franken Bann.



Vieltausend Brüder fielen von des Henkers Hand,



vieltausend Brüder für ihr Niedersachsenland.



Das war'n die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen,



Heil Herzog Widukinds Stamm.





Aus der Väter Blut und Wunden wächst der Söhne Heldenmut.



Niedersachsen soll's bekunden: Für die Freiheit Gut und Blut!



Fest wie unsere Eichen halten alle Zeit wir stand,



wenn die Stürme brausen übers Deutsche Vaterland.



Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen,



Heil Herzog Widukinds Stamm.



8.7.05 01:05


Vorsorglich



Der Gewitterabend





O die roten Abendstunden:




Flimmernd schwankt am offenen Fenster




Weinlaub wirr ins Blau gewunden,




drinnen nisten Angstgespenster.




 




Staub tanzt im Gestank der Gossen.




Klirrend stößt der Wind in Scheiben.




Einen Zug von wilden Rossen




Blitze grelle Wolken treiben.




 




Laut zerspringt der Weiherspiegel.




Möwen schrein am Fensterrahmen.




Feuerreiter sprengt vom Hügel




und zerschellt im Tann zu Flammen.




 




Kranke kreischen im Spitale.




Bläulich schwirrt der Nacht Gefieder.




Glitzernd braust mit einem Male




Regen auf die Dächer nieder.




Georg Trakl


25.6.05 12:43


Ein Reim auf Mensch...



Der Dichter




Antek und Franzek seh'n in Ruh


dem Mühen eines Dichters zu,



hier einen Reim auf "Mensch" zu finden



und in den Vers dann einzubinden. -



"Was ist, Du brauchst ein Reim auf 'Mensch'?



Pjerunna, nimm doch einfach 'pensch'!"



Der Dichter hier war leicht verstört



und fragt, 'pensch' hab' er nie gehört.



Was für ein Wortbegriff das sei? -



"Na, dummer Hund, denk' mal was bei!



is ja kein Wort, aus Wort bloß Mitte." -



"So sagt es mir doch eben bitte!" -



"Dann streng' mal an die Denkerbirne



und zeig, ob Du was hast im Hirne.



Ich denk', Du bist in allem Firm?



Is Mitte sich von Lampenschirm!" -



"O Gott! Wie stellt Ihr Euch das vor?" -



"Paß auf, ich trag' Dir das mal vor:



Es war einmal ein armer Mensch,



der hatte einen guten Lampensch



irm, doch hatte er kein Geld zum Saufen,



da mußte er den pensch verkaufen."



Ein Schlag - Antek fängt an zu wanken



und aufgewacht ist er im Kranken-



haus, nachdem drei Tage intensiv



auf selbiger Station er schlief.



Autor: Bernhard Radek
22.6.05 21:15


Der Depp



Der Depp geht öfters in die Stadt,

weil's dort so viele Deppen hat,

der Depp.



Der Depp, der ist oft auf dem Land,

wo er auch viele Deppen fand,

der Depp.



Der Depp geht nie allein ins Bett,

wo's dann zuwenig Deppen hätt',

der Depp.



Der Depp ißt, wenn er Hunger hat,

und nach dem Essen ist er satt,

der Depp.



Der Depp schläft meistens in der Nacht,

das Licht hat er dann ausgemacht,

der Depp.



Der Depp steht nie auf einem Bein,

er steht und geht auf allen zwein,

der Depp.



Der Depp, der tut nur, was er muß,

dann macht er mit der Arbeit Schluß,

der Depp.



Der Depp will manchmal seine Ruh

und macht die Hosentüre zu,

der Depp.



Noch eines tut der Depp nicht gern,

der Depp sieht gar nicht gerne fern,

der Depp.



Der Depp, der läßt sich schwer regiern,

es stimmt was nicht in seinem Hirn,

der Depp.



Der Depp zieht höflich seinen Hut,

wenn ihn Herr Tod abholen tut,

der Depp.



Der Depp gibt seinen Löffeln ab,

sein' Paß und Geld nimmt er mit ins Grab,

der Depp.



Damit darf er in' Himmel rein,

wird dort auch nicht alleine sein,

der Depp.



F. W. Bernstein
15.6.05 20:57


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