nachwuchsidiot
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Prosa
Die geheimen Herr-der-Ringe-Tagebücher
Gefunden hier und wirklich lustig *g* (find' ich...)
Teil 1 der Tagebücher
Tag 1:
getötete
Ringgeister: 4. Sehr gut. Hobbits getroffen. 40 Kilometer gelaufen. Ein
Eichhörnchen gehäutet und gegessen. Bin immer noch nicht König.
Tag 4:
Sitze mit Hobbits auf Berg fest. Boromir nervt. Bin noch nicht König.
Tag 6:
getötete
Orks: keine. Enttäuschend. Bartstoppelsituation: ich sehe wild und
männlich aus. Toll! Will ständig Gimli in die Fresse treten, halte mich
aber zurück. Bin immer noch nicht König.
Tag 10:
Bin in letzter Zeit nicht zum Schreiben gekommen, sehr dunkel in den Minen von Moria. Großer Balrog. Heute wieder nicht König.
Tag 11:
getötete
Orks: 7. Sehr gut. Bartstoppelsituation: leicht räudig. Evtl. ist
Legolas schärfer als ich. Ob er auf mich stehen würde, wenn ich König
wäre?
Tag 28:
Beginne Frodo beunruhigend attraktiv zu finden.
Glaube, dass Sam mich töten wird, wenn ich irgendetwas versuche .
Außerdem sind haarige Füße sehr abtörnend. Bin immer noch nicht König.
Tag 30:
Sind
in Lothlorien. Glaube, dass Galadriel mich anbaggern wollte. Ganz schön
flotte Biene! Hatte nettes Gespräch mit Boromir, er ist gar nicht so
übel. Habe geduscht, juhu! Bin aber immer noch nicht König.
Tag 32:
getötete
Orks: keine. Bartstoppelsituation: leicht behaart Legolas berichtet
mir, dass ein Schatten und eine Bedrohung auf seinem Geist liegen. Ich
glaube, Legolas ist ein bisschen schwul. Nö, nicht König.
Tag 33:
getötete
Orks: abertausende. Sehr gut. Boromir von Orks getötet, so ein Mist.
Obwohl er tapfer in meinen Armen starb, bin ich jetzt fast sicher, dass
er sehr definitiv schwul war. Bei Gimli habe ich auch so meine Zweifel.
RIP Boromir. Bin immer noch nicht König, aber Boromir schien zu
glauben, ich sei es. Kann aber auch am hohen Blutverlust gelegen haben.
Tag 34:
Frodo
nach Mordor aufgebrochen. Sagte, er ginge allein, nahm aber Sam mit.
Warum? Mein Gott, sind denn alle außer mir in diesem Film schwul? Bei
mir bin ich mir auch nicht mehr so sicher. Bin immer noch nicht König,
verdammt noch mal!
Die geheimen Herr-der-Ringe-Tagebücher Aragorn Teil 2
Tag 1:
Bin
50 Kilometer quer durch Rohan gerannt. Hier gibt's keine Eichhörnchen
zum Essen. Gimli sieht fast schlachtreif aus. Habe irgendwo gehört,
dass Zwerg wie Hühnchen schmeckt. Bin immer noch nicht König.
Bartstoppelsituation: zufriedenstellend
Tag 2:
Sind mit einer
Armee von Rohirrim zusammengetroffen. Fragte Eomer, ob er wüsste wo die
Hobbits sind. Bekam sehr ausweichende Antwort. Vielleicht ist Eomer
immer noch wütend auf mich, weil ich während unserer letzten Sauftour
sein Pferd mit obszönen Sprüchen auf Elbisch bemalt habe. Beschloss,
nicht zu erwähnen, dass er seine Frisur ganz offensichtlich bei Legolas
abgeschaut hat. Wenn ich König wäre, wäre er bestimmt nicht so frech!
Tag 3:
Hast du einen Haufen qualmende tote Orks gesehen, hast du sie alle gesehen. Mehr sage ich nicht dazu.
Tag 4:
Gandalf
getroffen. Festgestellt, dass er nicht wirklich gestorben ist, sondern
vom Balrog gezwungen wurde, einen Werbevertrag mit einer
Waschmittelfirma einzugehen: er ist jetzt Gandalf der strahlend Weiße.
Unglaublich, wie er sich für Werbung prostituiert, diese PR-Hure.
Demnächst nimmt er wohl noch Geld für den Trick mit dem spitzen Hut!
Tag 6:
Sind
in Edoras. König Theoden ist ganz schön frech, so Marke "Bist Du hier
König? Als ich zuletzt nachgeschaut habe, war ich hier König! Wenn ich
mich umschaue, sehe ich hier niemand anderen mit einer Krone, oder?
Oder?" War gezwungen, zuzugeben, dass ich tatsächlich immer noch nicht
König bin. Aus Rache habe ich ihm die Brieftasche geklaut als er gerade
nicht hinsah und benutzte seine Kreditkarte um kräftig im
Einkaufscenter bei der Pforte von Rohan einzukaufen. Habe für Gimli und
Legolas Spitzenhäubchen im Partnerlook gekauft.
Tag 7:
Habe
den Verdacht, dass Eowyn auf mich steht. Ich kann ihr das nicht
verübeln, denn meine Bartstoppeln sind so männlich, dass sie mich sogar
selbst antörnen.
Tag 9:
Bin von einer Klippe gefallen. Blöde
Wölfe von Isengard. Ich glaube, Arwen hat mich gerettet, aber als ich
aufwachte, küsste ich mein Pferd. Das war ziemlich eklig. Habe im Fluss
meine glänzende Lieblingshalskette verloren. Bin sehr gereizt, denn so
etwas wie schlechten Schmuck gibt es nicht. Na ja, vielleicht der eine
Ring. Bartstoppelsituation: nass
Tag 12:
Bin im Triumph in
Helms Klamm eingezogen. Wurde von Gimli umarmt. Als wäre es nötig
gewesen, mich schon wieder daran zu erinnern, dass er genau auf der
Höhe meiner Gürtelschnalle ist. Legolas gab mir meine Halskette zurück,
juhu! Er murmelte etwas auf Elbisch, dass entweder "Du bist spät dran!"
oder "Wirf mich auf den Boden und nimm mich von hinten!" bedeuten kann.
Muss mein Elbisch mal wieder aufpolieren, denn ich will ja nicht
unangenehm auffallen. Bin immer noch nicht König, aber da ich damit
beschäftigt bin, die Moral unserer Männer hochzuhalten, habe ich keine
Zeit, mich darüber zu ärgern. Diese Schlacht sollte ein Kinderspiel
werden.
Tag 14:
Stehe auf den Zinnen von Helms Klamm. Eine
absolut unglaubliche Anzahl Orks ist auf dem Weg hierher. Wen wollen
wir eigentlich veräppeln? Wir sind so was von im Arsch. Vielleicht gibt
es ja einen Seitenausgang.
Tag 14, später:
Die Elben haben
eine Armee von schlanken, grazilen Kriegern geschickt um uns zu helfen.
Im Kampf sind die natürlich nutzlos, aber zumindest werde ich dann
etwas schönes sehen, während ich sterbe. Theoden nuschelt dauernd "Es
ist unglaublich". Ich muss ihm recht geben - es ist unglaublich, dass
Haldirs Augenbrauen nicht zu seinem Toupet passen. Ich versuche
dauernd, durch den Seitenausgang zu entkommen, aber Gimli folgt mir
überall hin. So werde ich nie König.
Tag 15:
Haben
unerwarteterweise die Schlacht bei Helms Klamm gewonnen, aber die Feier
wird durch eine fiese Postkarte von Faramir ruiniert. Er schickt ein
Foto von sich mit dem kleinen Ringträger und dessen fettem Kumpan, in
bunten Shorts mit einer Pina Colada am Strand von Osgiliath. Auf der
Karte steht: Lieber Aragorn, danke für den Ring und die Hobbits. Sie
sind klein, aber sehr gelenkig. Genau das, was ich mir immer gewünscht
habe! Ich denke immer noch gerne an unsere gemeinsame Nacht in Minas
Tirith zurück. Küsschen, Faramir. Verdammt noch mal, Faramir! Da hätte
ich den Ring auch gleich Boromir geben können. Na ja, zumindest weiß
ich, dass Sam ihn umbringen wird, wenn er irgendwas versucht. Immer
noch nicht König.
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Zitate, Zitate: Horizonte
Der Horizont mancher Menschen
ist ein Kreis mit dem Radius Null,
und den nennen sie dann
ihren Standpunkt.
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Martin, my love
Da
sitzt er nun, der kleine Martin, eingekeilt zwischen Tante Inge und Oma
Emma. Gegenüber das von unglaublich vielen roten Adern durchzogene,
aufgeschwemmte Gesicht von Onkel Heinz. Oma Emma riecht muffelig.
Mottenkugeln? Urin? Es gab Kaffee, Kuchen. Oma Emma hatte sich
Schwarzwälder Kirsch gewünscht zu ihrem Geburtstag. "So jung kommer
nich mehr zusammen" dröhnt Onkel Heinz, "Hol ma den Wein Inge, und
vielleicht einen kleinen Verteiler. Nech Muddi, son Verteiler, den
brauchma jetzt."
Martin hebt die Hand, als es um die Verteilung von Wein und Schnaps geht.
"Haha, weisste noch Maddin, alswa dia bei Tante Inges 55tem Traubensaft
gegeben ham und dir gesacht ham es is Wein? Un wie du gedacht has' du
bis' betrunkn? Dat warn Hamma. Haha. Abba getz biste ja schon ein
Mann, da kannste auch ma nen Schnaps vertragen, wa?" Martin nickt,
grinst blöde.
Onkel Heinz' kumpelhafte Hand auf seiner Schulter, sein schlecht
riechender Atem machen ihn ganz benommen. Boar, was der sich denkt.
Wenn der wüsste, was er mit
seinen Kumpels so wegknallt. Neulich auf Malle, was haben sie gesoffen,
daß noch Wochen nachher die Leber schmerzte. Und Weiber waren da...
"Joa, schenk ma ein."
Natürlich ist er erwachsen, 22 ist eindeutig erwachsen. Tante Elfriedes
Standard-Ausruf "Mei, was bist DUUU groß geworden", den sie nun schon
seit 10 Jahren unverändert auf jeder Familienfeier von sich gibt,
irritiert ihn schon lange nicht. Früher hatte er versucht nachzuweisen,
daß er seit der letzten Begegnung kaum 1 cm größer geworden war, das
hat aber nie was genützt und so ist er still und leise weitergewachsen,
nur von Tante Elfriedes gelegentlichem Wachstumsgeheul auf
Familienfeiern unterbrochen. Schlimmer ist heute für ihn Tante Inge.
"Haste denn auch schon ne kleine Freundin?" Diese Frage, dazu ihr
dämliches Grinsen. Er könnte jedesmal reinschlagen. Wenn die wüsste...
Neulich, auf Malle, da waren Weiber! Okay, er und sein Kumpel waren
meistens zu voll um da weiterzukommen, aber scharf waren sie auf ihn,
das hatte er in ihren Augen lesen können. Aber wie hatte sein Kumpel
gesagt: "Man musch auma briodäten sedsen, lassuns lieba nochn Bia..."
Aber wenn er gewollt hätte, ha...!
"Auf Omma Emma und ihre nächsten 35 Jahre, haha". Onkel Heinz stösst
sein Weinglas Richtung Decke, es schwappt leicht von oben auf Oma Emma
herab. Macht nix, merken weder Heinz noch Oma Emma. Alle prosten Oma
Emma zu. Onkel Heinz will noch was sagen, rülpst aber lieber laut. Alle
schauen einen Moment irritiert auf ihre Weingläser, schweigen. Der
Wein,
der aus Onkel Heinz Glas rausgeschwappt war, hat sich den Weg durch Oma
Emmas Dutt gesucht und rinnt ihr nun langsam in die Stirn. Ein kleiner
roter Faden auf Oma Emmas Stirn. Martin muss an die Fernsehbilder aus
dem Irak denken. Rote Fäden in Gesichtern. Blut. Wein. Einen Moment
spürt er Empörung, Wut, dort sterben Menschen und hier wird gesoffen
und gefressen. Im nächsten Moment spürt er etwas an seiner Wange.
Geruch nach Speichel. Tante Inge hat in ihr Taschentuch gespuckt und
reibt ihm an der Wange rum. "Du hast da was..." Martin muss sich
übergeben.
Das
war nicht schön. Nee, schön war das nicht. Noch Jahre später werden sie
sich daran erinnern wie Martin "bei Tante Emma ihr sein 80ten aufn Tisch
gekotzt hatte". Ein neuer Eintrag im kollektiven Familiengedächtnis.
Martin, der dachte er sei betrunken und lallte und taumelte, obwohl er
nur Traubensaft bekommen hatte. Martin, der auf Tante Emma ihr sein
80ten aufn Tisch gebrochen hatte. Über seinen dämlichen Cousin Frank
gab es keine solchen Geschichten. Über Frank gab es nur Gutes zu sagen.
Frank war Jahrgangsbester. Studium in Höchsttempo. Nebenbei in einer
Studentenverbindung. "Einer Schlagenden" wie Onkel Heinz immer wieder
mit Stolz und Ehrfurcht in der Stimme betonte. Karriere vorgezeichnet
wie auf
Schienen. Frank sitzt am Tisch und sieht ihn an mit einer seltsamen Mischung aus
Verständnis und Ekel. Er zwinkert ihm zu. Wird schon wieder. Martin
hasst Frank in diesem Moment. Martin hasst auch Franks Freundin, so
eine dumme Tusse, ganz bleich ist sie geworden, ein wenig hysterisch
geblökt hat sie. Vorher hatte er noch gedacht, er könne sich den Abend
damit amüsieren sie anzusehen und sich vorzustellen wie er... naja.
Sie sah ja wirklich nicht schlecht aus, bißchen wenig Titten
vielleicht. Aber nun? Keine Phantasie kann nun noch den Geruch nach
Erbrochenem durchdringen, den er einfach nicht aus der Nase bekommt.
(Würde es Martin wohl freuen wenn er wüsste, daß Frank in knapp einem
Jahr nach einem Restaurantbesuch und 4 Gläsern Wein und 2 Grappa einen
Unfall verursachen wird? Seine
Freundin wird dabei sterben und noch zwei andere. Frank überlebt dann noch ein paar Jahre.)
Das Tischtuch wird gewechselt, sein Hemd mit einem nassen Lappen (oder
ist es Tante Inges Taschentuch?) notdürftig gesäubert. Die
Verwandschaft fragt sich: zuviel Kuchen? Der Schnaps? Man hört ja auch
soviel über Drogen...
Später.
Onkel Heinz verteilt noch eine Runde Schnaps. Die Gesichter zeigen
jetzt alle deutliche Spuren. Oma Emmas Wohnung wie immer überheizt,
dazu der Schnaps, der Wein, das Bier. Rote Köpfe, rote geplatzte Adern
auf Wangen, rote Nasen, unsichere aber laute Sprache. Gröhlen, Lachen. Jetzt sitzt
Onkel Heinz neben ihm, legt ihm den Arm um die Schulter, zieht sein Ohr
dicht an seinen Mund und spricht viel zu laut. Martin bleibt der Atem
weg von seinem Atem. "Na Junge, wie isses bei dir denn mit den Weibern?
Weisstja, bis' getz inne besten Jaahre, das wird nich besser doh.
Haha." "Mach ma keine Sorgen, ne. Ich mach dat schon. Haha." Er will
Onkel Heinz nichts von Marie erzählen. Eine Arbeitskollegin. Süß ist
die. Aber irgendwie kommt er nicht ran. Er ist verliebt, denkt er. Aber
das geht Onkel Heinz nix an. Ob das stimmt was Onkel Heinz sagt? Wird
es nicht besser? Er denkt an den einen Morgen, neulich, als er ohne die
sonst übliche Morgenlatte aufgewacht ist. Da hatte er sich schon Sorgen
gemacht. Und dann auf dem Weg zur Arbeit noch dieses Plakat: "Lust auf
'ne Morgenlatte?"
Einen Moment war Martin nahe dran, paranoid zu werden. Dann entpuppte
sich das Plakat als Werbung für ein neues
Starbucks-oder-sowas-ähnliches-Kaffee-Dingens. Da hatte er gelacht und
am nächsten Morgen war auch wieder alles normal.
Aber
trotzdem. Zufriedenstellend lief es nun nicht gerade mit den Weibern,
wenn er ehrlich war. Jedenfalls nicht so wie er sich das mit 15 oder so
vorgestellt hatte. Damals, als die interessanten Mädchen in seinem
Alter nix von ihm wissen wollten und mehr auf die Typen mit Moped oder
Auto standen. Da hatte er sich vorgestellt wie es sein wird, wenn er
erstmal ein Auto hat, Geld verdient. Das waren Träume, damals. Eine
nach der anderen hat er in seinem Auto vernascht. Im Traum. Irgendwas muß sich
seitdem geändert haben. Den Mädchen war sein Auto egal, hatte er
feststellen müssen. Keine ging mit ihm nur weil er ein Auto hatte.
Reden mußte er, lange, mühsam, interessante Gespräche führen und dafür
durfte er sie dann -vielleicht- nach Hause fahren. Manchmal gab's 'nen
Kuss. Das ist nicht viel. Jedenfalls nicht das, was er sich vorgestellt
hatte. Einmal hat eine ein wenig an ihm rumgefummelt. Dann ist der aber
schlecht geworden, weil sie zuviel getrunken hatte. Er musste es dann
selbst zuende bringen.
Eine Weile hatte es geholfen zu denken, daß es nur die falschen Frauen
waren. Also die nächste ansprechen. Ist aber irgendwie immer gleich
gelaufen. Mist. Dann hatte er Julia kennengelernt. Irgendwie sind sie
zusammengekommen. Am Anfang dachte er, er sei im Paradies. Sie hatte
Sex mit ihm. Am Anfang oft, so oft er wollte. Das wurde dann aber bald
weniger. Sie hat ihm Vorwürfe gemacht. Er würde nur an Sex denken und
sie würde da doch noch mehr erwarten. Irgendwann war da gar kein Sex
mehr. Und was er mit ihr reden sollte, wusste er nicht so genau. Dann
haben sie sich getrennt. 2 Jahre waren das. Keine Ahnung was Julia
jetzt macht.
Kurz danach hatte er sich dann in Marie verliebt. Die arbeitet in
seiner Firma. Supersweet der Hase. Aber er kommt nicht ran. Irgendwie.
Sie ist mit einem Typen zusammen, älter schon. Klar, der hat eine
Wohnung, bezahlt ihr den Urlaub, kauft ihr Klamotten. Naja, nächstes
Jahr ist die Ausbildung zuende, dann gehts ans große Geld, da ist er
sicher. Und dann wird das auch mit solchen wie Marie klappen. Sein
Kollege Markus hat ihm gesagt, daß er mehr Reden soll. Die Frauen
wollen das, sagt Markus. Mehr Frauenversteher soll er werden, ihnen
schmeicheln, lustig sein, mit ihnen reden, so tun als würde er sie
verstehen. Hatte er doch schon gemacht, damals. Länger, hatte Markus
gesagt, das musste über ein paar Wochen machen. Dann lassen sie dich
auch ran irgendwann. Naja, er würde es vielleicht mal versuchen.
"Jaha, musste zusehen mit die Weiba, ne Junge. Nich zu lange warten,
sonst sindse runzelig. Haha." Onkel Heinz presst ihn dicht an seinen
schwitzenden dicken Körper. Martin wird schon wieder ein wenig übel.
Onkel
Heinz ist jetzt richtig in seinem Element. Besoffene reden ja immer
über Politik oder über Sex. Wenn sie über Sex reden fangen sie
irgendwann an zu sabbern, wenn sie über Politik reden fangen sie
irgendwann an zu schreien. Das ist nicht nur bei Onkel Heinz so.
Onkel Heinz redet jetzt laut über Politik. Er erklärt irgendeinem
angeheirateten Verwandten (Fritz? Klaus? Irgendwie so) wieso die Sozis
schuld sind, dass er nun arbeitslos ist. Sozis, die doch nicht mit Geld
umgehen können und die Wirtschaft ruinieren. "Ja, aber warn das bei den
ollen Kohl anners?" wirft Onkel Fritz-Klaus-Irgendwieso ein. "Hat da
der Sprit 4 Maak fuffzich gekostet? Nee, hatter nicht. Siehste. Das
sind die Sozis." Onkel Heinz schaut triumphierend in die Runde. Niemand
widerspricht ihm. Kann daran liegen das niemand sonst zugehört hat.
Martin überlegt, ob es schlau wäre jetzt zu sagen, daß er bei der
letzten Wahl für die Grünen gestimmt hat und daß er denkt, die haben
schon irgendwie ganz gute Ideen so. Nee, schlau wäre das wohl nicht im Moment.
Ausserdem weiß er ja auch nicht, ob er die beim nächsten Mal wieder
wählen würde. Manche von denen sind ja ganz okay und haben irgendwie
auch eine okaye Meinung, findet er. Das mit der Umwelt, daß ist schon
wichtig irgendwie. Aber ihm ist auch aufgefallen, daß die Frauen von
denen immer so Achselhaarbüschel mit sich rumtragen und im Sommer
haarige Beine haben. Und das findet er nicht so gut. Irgendwie
unästhetisch. Mit so einer würde er nicht ins Bett gehen. Sollte man
eine Partei wählen mit deren Frauen man nicht ins Bett gehen würde?
Sollte man nicht. Siehste. Was er dann wählen soll, weiß er nun aber
auch nicht. Irgendwie hat er das dumpfe Gefühl, von allen nur belogen
zu werden. Die ganzen Politiker und die Wirtschaftsbosse, die lügen
doch alle. So richtig beweisen könnte er diese Aussage nicht. Aber das
ist ja was jeder denkt, wird schon was dran sein. Onkel Heinz denkt das
auch.
"Lügen tun se doch alle. Eina wie der annere. Aba dahinda, da stecken
noch ganz annere. Dat sin die Amis, ich sags dir." Onkel Heinz und
Onkel Fritz-Klaus haben jetzt hinter den Sozis und den Schwarzen den
wirklichen Schuldigen gefunden. "Ja, die machen überall die Wirtschaft
platt damitse ihre eigene schützen können, ne." Onkel Heinz ist jetzt
in Fahrt, er ist auf der Bahn, die Gedanken sprudeln wie von alleine
und gleich wird er -wie schon seit hunderten von Jahren an deutschen
Stammtischen- den aller-wirklichsten Schuldigen gefunden haben. "Und
weisste wer dahinter steckt, wem das alles gehört und so? Das sin' die
Juden, ich sags dir. Die steuern dat alles. Wollen sich die ganze
Wirtschaft untern Nagel reissen. Ich sach dir, wenn dat damals den...
also wenn es dat nich gegebn hätte, dann hättense schon alles an sich
gerafft, kannste glaum." "Ja, und die Autobahnen darf man ja auch nich
vergessn, ne." "Die Amis, dat sinn allet Juden und Freimauerer. Un' die
gebn erst auf, wennse uns kaputt ha'm. Kannste glaubn."
Martin
ist sich nicht so sicher ob das mit den Juden stimmt. Also ob die
Amerikaner alles Juden sind oder so. Aber daß die Amerikaner an vielem
Schuld sind, das weiss er. Da sind
sich die meisten in seiner Berufsschul-Klasse einig. Die Amis denken,
sie sind die Größten und können machen was sie wollen und das ist
einfach nicht okay. Gerade neulich hat er irgendwo gehört, daß die
Amis sich das ganze Öl raffen und deshalb der Sprit so teuer ist.
Und diese ganze Kriegsscheisse machen die doch auch nur, um die
Ölquellen in Besitz zu nehmen. Martin hat auch gelesen, daß die Amis
selbst die Flugzeuge in dies Hochhaus
gesteuert haben. So wie der Bush aussieht, das würde der machen, das traut er ihm zu. Und
diese ganze Ami-Firmen, Shell und Texaco und wie sie alle heißen,
verpesten das Meer und so mit ihren Plattformen und Tankern. Auch nicht
okay. Martin tankt seitdem nur noch an einer Freien Tankstelle. Es sei denn, er braucht mal nachts noch was Bier oder
so. Dann muß er zu Shell, die haben auch nachts auf. Aber wohl fühlt
er sich dabei nicht.
Als der Irak-Krieg anfing haben sie auch in der Schule Aktionen dagegen
gemacht. Lichterketten und so. Und auch einen Boykott haben sie geplant.
Gegen Ami-Produkte und Ami-Firmen. Martin hatte dann auch ein Plakat
gemacht auf dem "Amis verpisst euch - keiner vermisst euch" stand und
das hatte er bei einer Lichterkette dabei. Den Satz hatte er sich
zusammen mit seiner Mutter ausgedacht. Hmm, oder war das mit den
Lichterketten damals gegen den Dings-Krieg da in Jugoslawien oder am
11. September? Mist. Echt vergessen. Jedenfalls stand da "Amis verpisst
euch - keiner vermisst euch" drauf und das war eine coole Demo gewesen,
auch in der Lokalzeitung hatte was gestanden. Mit dem Boykott hat das
leider nicht lange geklappt. Schon wegen der Tanke war das doof, weil
doch nur die Shell nachts auf hat. Und mit den Jeans, und der Cola, und
MTV und so. Außerdem wollte er dann doch gerne den dritten Teil von
"Herr der Ringe sehen" und irgendwie steht da ja auch eine Ami-Firma
dahinter. Aber da kann man mal sehen wie sehr uns die Amis schon unter
Kontrolle haben, hatte sich Martin gedacht, nicht mal boykottieren kann
man die noch.
Irgendwann hatte er mit seinem Opa darüber geredet, der hatte den
Zeitungsartikel ausgeschnitten, weil Martin da auf dem Foto zu sehen
war, zwar nur halb hinter seinem Schild, aber immerhin. Opa hatte ihm
erzählt, daß er es gut findet, wenn man sich so politisch betätigt. Opa
hat das auch getan in seiner Jugend. Damals haben die auch boykottiert
und so. Sogar Wache gestanden vor Geschäften, die den falschen Leuten
gehört haben. Das war genauso, hatte der Opa gesagt. Die haben sich
auch immer alles unter den Nagel gerissen und so getan, als würde ihnen
alles gehören und waren auch Schuld an der Wirtschaftskrise damals. Was
dann noch so alles passiert ist hat Opa dann nicht mehr so gut
gefunden. Aber irgendwie waren die Leute auch selber Schuld. War eine
aufregende Zeit
damals, hatte Opa gesagt und gelächelt dabei. Martin fand das nicht so gut was der Opa da
erzählte. Er fand auch überhaupt nicht, daß es das Gleiche ist. Die
Juden damals, das waren doch einfache Leute, die hatten doch niemandem
was getan. Aber die Amis, die sich überall auf der Welt einmischen, das
ist doch ganz was Anderes. Die sind doch selbst schuld wenn ihnen mal
ne Bombe unterm Hintern hochgeht. Aber Martin wollte sich auch nicht
mit seinem Opa streiten, also hatte er nur genickt.
Opa ist heute nicht hier. Vor einiger Zeit hat er begonnen, "unter sich zu machen" wie es
Tante Inge ausgedrückt hat. Martin war seitdem auch nicht mehr beim Opa
gewesen. Irgendwie war ihm die Situation unangenehm und wenn ihn jemand
darauf angesprochen hat, hat er gesagt, daß er den Opa lieber gesund
in Erinnerung behalten will. Seine Eltern haben das irgendwie
verstanden. Die sind dann selbst auch nicht mehr oft beim Opa gewesen.
Tante Inge pflegt ihn jetzt.
Überhaupt
seine Eltern. Wie immer nicht da oder zu spät. Die versuchen sich immer
vor diesen Familienfeiern zu drücken. Haben Termine, sagen ab, kommen
später. Und ihn zwingen sie hin, sagen "Oma Emma ist 80, wer weiß, wie
oft du die noch siehst. Siehste ja bei Opa wie schnell das gehen kann."
Natürlich waren sie heute auch wieder nicht da. Okay, so ganz passen
sie hier auch nicht rein. Seine Eltern haben beide studiert. Sein Vater
ist Rechtsanwalt, seine Mutter arbeitet in einem großen
Architekturbüro. Sie waren noch jung als sie ihn bekommen haben, Anfang
20, mittem im Studium. Seine Freunde finden die Eltern
cool, weil sie so jung sind und Verständnis haben. Locker drauf sind eben. Martin findet das eigentlich zum Kotzen.
Manchmal sitzen seine Eltern mit ihren Freunden rum und rauchen Tüten.
Gras. Ist doch nix dabei, sagen sie, nur man muß halt aufpassen wie
oft und nix Härteres, alles klar?
Als er sich damals die schwarze Metallica-CD gekauft hatte und den
ganzen Tag gehört hatte kam irgendwann sein Vater und hat ihm SEINE
alten Metallica-CDs vorgespielt. Kill 'em all. Martin mag seitdem
Metallica nicht mehr.
Was soll man mit solchen Eltern machen? Eltern, die Tüten rauchen und
Metallica hören und dabei nichtmal irgendwie Proleten sind? Martin
hatte sich die Haare abrasiert und eine Bomberjacke gekauft. Seine
Eltern haben dann lange Gespräche mit ihm führen wollen - sie haben ihn
gefragt, ob er sich leer fühlt, ob er nach Halt sucht. Irgendwann hat er
sich lieber die Haare wieder wachsen lassen als weiter solche Gespräche
zu führen.
Martin ist in eine christliche Gruppe eingetreten und hat alle seine
CDs vernichtet. Seine Eltern haben ihm gesagt, daß sie das gut finden,
daß er so früh einen spirituellen Weg für sich sucht.
Martin ist in der Schule abgesackt. Seine Eltern haben gesagt, daß seine Stärken wohl eher in praktischen Bereichen liegen.
Martin ist dann häufig betrunken nach Hause gekommen. Seine Eltern
haben ein wenig besorgt ausgesehen und sich dann doch gegenseitig in
die Seite gebufft und gesagt: weisste noch, wir früher?
Martin hat sich dann für alles mögliche interessiert und hat seine
Eltern alles mögliche anschaffen lassen: ein Teleskop, eine Gitarre, er
nahm Reitstunden und fuhr Cart, er begann Klavier zu lernen, dann
Karate, dann Tennis. Nichts machte er so wirklich. Seine Eltern
meinten, der Junge muß sich erst noch finden, gut, daß er so vieles
ausprobiert.
Martin hat...
"Ihr als Generation habt doch schon bei eurer Geburt verkackt."
"Was?"
Martin fühlte sich sehr unangenehm aus seinen Gedanken gerissen, zurück
in das heiße, alkoholgesättigte Wohnzimmer von Oma Emma.
"Ihr als Generation habt verkackt. Schon bei eurer Geburt. Ihr könnt nix dazu, aber verkackt habt ihr trotzdem."
Das sagte die Freudin von Frank, die sich auf dem Platz gegenüber
niedergelassen hat, da wo vorher Onkel Heinz saß, der immer noch
mit Onkel Fritz-Klaus-Irgendwie politische Brüllereien führte.
Offensichtlich hatten sie sich wieder ein wenig auseinanderdiskutiert
und fuchtelten erregt herum. Martin hörte nur Hartz 4 und
Sozialschmarotzer und sonst viel Gefauche.
"Wieso verkackt?"
"Jessica."
"Was?"
"So heisse ich."
"Ach so. Hi"
"Hi"
"Wieso verkackt?"
"Naja, ihr habt keine Chance. Ihr habt doch keinen Sinn mehr im Leben.
Ihr könnt gegen nix mehr rebellieren. Alles schon mal dagewesen. Nix
neues. Und egal was ihr euch auch verrücktes ausdenkt, zack kommt so
ein Trendscout und am Abend seht ihrs auf MTV und am nächsten Tag hängt
es bei H&M. Morgens eine originelle Idee, abends bei C&A. Die
Mode, der Kommerz sind euch hauchdünn auf den Fersen, ihr habt keine
Chance. Nimm der Jugend das Anderssein, das Schockieren, den Glauben an
die Einmaligkeit und sie wird sich selbst erledigen. Wenn eine Jugend
nicht mehr gepflegt rebellieren kann, wenn es nichts mehr gibt, das die
ältere Generation erschreckt, dann resigniert sie. Dann sieht sie keinen
Sinn mehr in ihrer Existenz. Alles schon mal gemacht, von euren Eltern,
den Generationen vor Euch.
Was wollt ihr noch tun? Eine Weile auf dem Spass- und Modezug reiten?
Hauptsache fun? Und dann? Tattoos hat Dagmar Berghoff, Sabine
Christiansen ist Intim-gepierct, Gotthilf Fischer springt Bungee. Was
solls denn noch sein? Was wollt ihr noch machen?
Cerebrallappen-Piercings? Schmuck-Amputationen? Ne ne, keine Chance.
Was ernsthaftes? Wale retten? Shell bekämpfen? Licherketten? Haben
alles eure Eltern schon durch. Jede mögliche Revolution ist doch
schonmal gescheiter."
"Woher weisst Du das?"
"Von Frau Berg"
"Wer ist das denn?"
"Egal."
"Okay."
Martin war sich nicht sicher, daß er das verstanden hatte, aber zum Nachdenken hatte er auch keine Zeit.
"Aber die Zukunft wird nicht besser, mein Lieber. Wie alt bist Du? 22?
Musste mal Gas geben, mit 25, spätestens 28 ist Deine Zeit als
High-Potential vorbei. Wenn Du dann nicht auf der Karriereleiter ein
ganzes Stück oben bist kannste es vergessen. Doof ist nur, das oben auf
der Leiter schon alle Plätze besetzt sind. Da musste kämpfen, treten,
boxen. Und wenn Du es schaffst und oben bist und einen Moment erschöpft
verschnaufst kommt von unten ein Junger und tritt dich runter. Du
machst was mit Computern? Naja, da ist mit spätestens 40 eh der Ofen
aus, dann biste zu teuer, dein Wissen ist zu wenig aktuell, dann wirste
eh durch jüngere, billigere ersetzt. Kannst Dir schonmal überlegen, was
Du dann machen willst. Tischler sind immer gefragt, oder vielleicht was
mit Landwirtschaft? Manche sagen, daß da große Potentiale liegen. Und
wenn Du Pech hast, dann hast Du vorher alles gegeben um auf der Leiter
zu bleiben: bist mobil gewesen und immer brav umgezogen, hast Dich für
Deine Firma aufgeopfert, Beziehung und Familie dafür geopfert. Mit 40
biste trotzdem raus und dann stehste ganz ohne was da. Scheiss
Perspektive ist das. Wie gesagt, voll verkackt habt ihr."
"Und was machst Du?"
"Hab geerbt."
"Aha."
Frank
setzte sich dazu. Martin war sich nicht sicher, ob ihm das gefiel.
Während Jessica sprach hatte sie sich weit über den Tisch gebeugt, ihm
entgegen, so dass er in den Ausschnitt ihrer Bluse schauen konnte.
Keinen BH an, einmal glaubte er die Brustwarze gesehen zu haben. Aber
leider viel zu klein die Titten für seinen Geschmack. Das ist überhaupt
komisch, denkt sich Martin. Fast alle klugen Frauen die er so kennt
haben kleine Titten. Wie das wohl kommt. Brauchen Frauen mit großen
Titten nicht klug zu sein, weil sie
eben diese großen Titten haben und ihnen zumindest die Männer eh nicht
zuhören. Müssen Frauen mit kleinen Titten klug sein, um auf diese Weise
die Männer für sich zu interessieren und sie von den Frauen mit den
großen Titten wegzulocken? Oder reicht die Wachstumsenergie einfach
nicht für beides - Hirn und Titten? Da sollte er in einer stillen
Stunde nochmal drüber nachdenken, interessante Frage das.
"Und willst Du noch studieren, Martin?" Frank.
"Nee, eigentlich nicht."
"Aber du kannst doch nicht immer nur Rechner zusammenschrauben, das hat doch keine Perspektive, das ist doch kein Lebensinhalt."
Wenn Martin den Herrn Lehmann kennen würde, dann hätte er jetzt vielleicht gesagt:
"Moment mal. Was soll das heissen, Lebensinhalt? Lebensinhalt ist doch
ein total schwachsinniger Begriff. Was willst du damit sagen,
Lebensinhalt? Was ist der Inhalt eines Lebens? Ist das Leben ein Glas
oder eine Flasche oder ein Eimer, irgendein Behälter in den man etwas
hineinfüllt, etwas hineinfüllen muss sogar, denn irgendwie scheint sich
ja die ganze Welt einig zu sein, dass man sowas wie einen Lebensinhalt
unbedingt braucht. Ist das Leben so? Nur ein Behältnis für was anderes?
Ein Faß vielleicht? oder eine Kotztüte?"
Weiter hätte er vielleicht gesagt:
"Lebensinhalt ist doch eine Scheissmetapher, das steht ja wohl mal
fest. Aber selbst wenn man sie verwendet, was soll das denn dann sein?
Gibt es irgendeinen der mir das mal sagen kann? Kann ich jetzt zu einem
der Leute hier am Tisch gehen und fragen: Entschuldigung, kannst du mir
mal ein zwei Lebensinhalte nennen? Nix! Nix! Aber alle glauben es gibt
sowas. Und keiner denkt darüber nach. Wenn man von Lebensinhalt
spricht, dann sieht man das Leben nur als Gefäß, als Mittel zum Zweck, in das es etwas hineinzufüllen gilt, statt dass man
sich vielleicht mal darüber klar wird, dass das Leben einen Wert an
sich hat, und dass man, wenn man sich dauernd damit beschäftigt, es mit
Inhalt zu füllen, das vielleicht überhaupt
nicht kapiert."
Wenn er dann noch gewollt hätte, hätte er auch noch sagen können:
"Aber bleiben wir ruhig beim Bild des Lebens als Gefäß. Ein Gefäß, in
das man etwas hineinfüllen muss, kann es so lange nicht sein, wie mir
niemand sagen kann, was genau dieses Hineinzufüllende eigentlich sein
soll. Dann kann man es nur noch anders herum sehen, wenn man an der
Metapher festhalten will: Dann ist das Leben ein Gefäß, das man gefüllt
hingestellt bekommt, und zwar gefüllt mit Zeit. Und in diesem Gefäß ist
ein Loch drin und die Zeit fließt unten raus, so ist das nämlich wenn
man überhaupt von einem Gefäß sprechen will. Und die Zeit, dass ist das
blöde, kann man nicht nachfüllen."
Das hätte er sagen können, würde er Herrn Lehmann kennen. Da er Herrn Lehmann aber nicht kennt, sagte er nur:
"Was?"
"Naja, das ist doch keine Perspektive. Du brauchst doch irgendwelche Herausforderungen,
Ziele."
Frank und Jessica schauen sich an, ein leicht belustigter und auch etwas bemitleidender Blick. Martin wird wieder wütend.
"Wisst ihr, ihr kotzt mich an. Sitzt da blasiert in eurem Boss und
Joop-Scheiss und schaukelt euch selbstgerecht die Eier mit eurem
Stipendium und eurer Erbschaft und habt doch null Ahnung wie das Leben
eigentlich ist."
(Okay, genauso hat er es nicht gesagt. Das war der Satz, den er sich am
nächsten Tag überlegt hat, den Satz, den er hätte sagen müssen. Der ihm
aber leider nicht eingefallen ist. Wie das immer so ist. Im
entscheidenden Moment fällt einem nie der richtige Satz ein. Immer erst
später. Und das mit dem Eierschaukeln ist zwar in Jessicas Fall etwas
ungenau, aber was soll's. Vor allem das Wort 'blasiert' hätte er gerne
verwendet. Schon seit Jahren sammelt Martin so Wörter und versucht, sie
irgendwo einzubauen. Manchmal schauen ihn die Leute komisch an, wenn er
solche Wörter in seinen Sätzen verwendet. Wahrscheinlich verstehen die
ihn nur nicht. Wie auch immer. Blasiert hätte er gerne verwendet.)
Gesagt hat er: "Äh. Naja. Mal sehen was sich so ergibt, ne."
"Wir gehen dann mal." Jessica und Frank stehen auf, verabschieden sich
von den anderen Gästen, winken, machen sich auf zur Tür. Martin geht
hinterher, starrt noch ein wenig auf Jessicas Hintern. Ein wenig Luft
wird ihm gut tun.
Draußen stehen Onkel Heinz und Onkel Fritz-Klaus und pinkeln in die
Blumen. Onkel Heinz hat seinen Strahl irgendwie geteilt, die Hälfte
geht in die Blumen, die andere Hälfte an Onkel Fritz-Klaus' Hose. Beide
wanken. Martin sieht Jessica und Frank ins Auto steigen, Jessica winkt
ihm nochmal. Naja, sieht schon ganz gut aus, schicker Arsch, aber die
Titten? Nee, nix für ihn. Redet auch soviel.
Es ist schon dunkel. Martin sieht in den Himmel. Sieht die Sterne. Für
Astronomie hat er sich auch mal interessiert. Oder war es Astrologie?
Das ist schon faszinierend, das mit den Sternen, denkt Martin. Er
erinnert sich an Susanne. Auf einer Party hatte er sie kennen gelernt,
dann war er mit ihr ins Kino gegangen. Dann hatte er sie in einer
warmen Sommernacht zu einem Nacht-Picknick eingeladen. Eine gute Idee
war das. Sie saßen auf einer Wiese auf einer Picknick-Decke. Er hatte
Wein dabei, den sie nicht so mochte, weil er ihr zu süß war. Aber das
war nicht schlimm. Sie mochte die Weintrauben, die Erdbeeren (Sekt, den
hatte er vergessen, Erdbeeren und Sekt, das läuft immer...), sie liebte
den Himmel, der übersät war mit Sternen.
"Wie sie funkeln, wie viele das sind. Und schau da, die da sehen aus wie ein Herz."
"Alles wahrscheinlich schon lange tot."
"Was?"
"Ja, das was du funkeln siehst, ist wahrscheinlich alles nicht mehr da.
Schon lange explodiert. Weisste, die Sterne sind so weit weg, dass das
Licht viele Millionen Jahre braucht bis es bei uns ankommt. Du schaust
also in die Vergangenheit und siehst Millionen von Jahren zurück. Und
wahrscheinlich sind die meisten der Sterne die du siehst schon längst
explodiert. Und das was aussieht wie ein Herz... naja, die Sterne
liegen wahrscheinlich in völlig unterschiedlichen Ecken der Galaxie,
nur weil sie unterschiedliche Helligkeiten haben und wegen der
unterschiedlichen Entfernungen sehen sie so aus, als wären sie direkt
nebeneinander und bilden so ein Herz. Alles eine Illusion. Verstehste?"
Susanne war dann bald nach Hause gegangen, ihr war kalt gewesen hatte
sie gesagt. So richtig ist dann aus der Sache auch nichts mehr geworden.
Martin setzt sich in sein Auto und macht das Radio an. "Zehn nackte
Frisösen mit so herrlich feuchten...... Lippen." Dreckssender. Ein
Weilchen bleibt er sitzen, raucht mal eine. Dann geht er wieder rein.
Ein
Teil der Gäste sitzt jetzt in der sogenannten "kleinen Stube". Da hat
Oma Emma den Fernseher. Sie schauen irgendeine Krawallshow. Menschen
müssen sich irgendwie erniedrigen um irgendetwas lächerliches dafür zu
bekommen. Martin schaut manchmal Big Brother, das geht noch, findet er.
Auch wenn die mal nicht immer unter der Decke poppen sollten da.
"Stammt der Mensch vom Affen ab?
Stumpft der Mensch vom Gaffen ab?"
"Was? Hallo?"
Manchmal hat Martin das Gefühl, dass irgendwo in seinem Bewußtsein
eine Stelle ist, wo eine dünne Membran ist und dahinter ist ...
irgendetwas anderes. Und manchmal wird die Membran noch dünner und
Dinge von dahinter dringen in sein Bewußtsein. So wie jetzt.
"Hallo?"
Manchmal hat Martin auch das Gefühl, daß da draußen irgendetwas
Dunkles, Mächtiges, Gefährliches ist, etwas das ihn beobachtet,
belauert...
"Das ist die ganz normale Paranoia. Die hat jeder im Universum."
"Hallo? Wer sagt das?"
"Ford Prefekt."
"Wer ist das?"
"Egal."
"Okay."
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